Höher, schneller, weiter

Vor etwa zwei Monaten wurde eine neue, spiegellose und augenscheinlich phänomenale Mittelformatkamera vorgestellt: 102 Megapixel, guter Autofokus, klingt insgesamt schon mal sehr verlockend. Der Preis von knapp 11.000€ ist zwar stattlich, in dem Segment aber kein Aufreger.

Dann wurde kürzlich noch eine Kamera vorgestellt: Vollformat, spiegellos, 60 Megapixel, ebenfalls bester Autofokus usw. usf… Preislich ebenfalls nicht günstig (€4.000), aber wieder: das Preis-Leistungsverhältnis stimmt (halbwegs).

Das erinnert mich alles ein bisschen daran, wie ich schon vor ca. 10 Jahren, als ich noch eine kleine Hosentaschenkamera hatte und nichts von Fotografie verstand, das Megapixelrennen erlebt habe. Auch damals klang interessant, möglichst viele Pixel auf dem Sensor zu haben. Damals belas ich mich, und das Fazit klang für mich etwa so: alles Lug und Trug, eine “vernünftige” Kamera kann nur so-und-so hoch auflösen. Tatsächlich hat eine 60MP-Vollformatkamera einfach nur ca. 3x so viele Pixel auf gleichem Raum, wie eine mit den in diesem Segment “üblichen” 24MP. Folglich muss jeder einzelne Pixel schrumpfen. Das ist sicher bei guten Lichtverhältnissen kein Problem, hat aber auch Nachteile: Die Dateien sind riesig, die Bearbeitung braucht mehr Rechenleistung, Fotos “verwackeln” leichter, und insbesondere bei schlechten Lichtbedingungen tun sich diese Sensoren etwas schwerer. Nach wie vor gibt es moderne Kameras mit “niedrig” auflösenden Vollformatsensoren (~12 MP), die genau bei Dunkelheit ihre Stärke haben. Manche Foto-Puristen würden behaupten, im Vollformat-Segment seien mehr als diese 12 MP gar nicht sinnvoll…

Wie dem auch sei: es werden sicherlich in den nächsten Jahren “bezahlbare” Vollformatkameras mit 100, 150 oder 200 Megapixeln vorgestellt. Und oh wie sehr reizvoll werden sie sein. Sie werden in bestimmten Situationen ihre Daseinsberechtigung haben und manche Profis werden auf sie schwören. Danach kommen dann 60MP-Kompakt- und Handykameras und wer weiß was noch…

The single most important component of a camera is the twelve inches behind it!

Ansel Adams

Und doch macht am Ende die Fotos nur zum Teil die Kamera. Deswegen ist das Titelfoto zu diesem Beitrag auch eine meiner zwei alten Polaroid-Kameras. Sie macht schlecht aufgelöste Fotos im gewöhnungsbedürftigen Quadratformat, bietet kaum Einstellungsmöglichkeiten – trotzdem ziehe ich sie manchmal meinen Systemkameras vor, um einen Moment festzuhalten oder mich mit fotografischen Techniken auszutoben. Und mich darauf zu besinnen, was und warum ich eigentlich fotografiere.

error: Content is protected